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Tag: Meinungsfreiheit

Nachdenklich geworden

In den letzten drei Wochen bin ich sehr nachdenklich geworden. Von meiner Herkunft ist klar, wo ich bisher politisch stand. Katholisch erzogen, mehr als zehn Jahre Ministrant, Gründer von Jungkolpinggruppen, Studium der katholischen Theologie - da wählt man nicht die SPD oder DIE LINKE. Nicht einmal die GRÜNEN. Und man denkt nicht allzu viel drüber nach, was es eigentlich heißt, als Christ zu wählen. Selbst wenn man sich mal über die SCHWARZEN ärgert, die Hand findet immer wieder reflexartig an der "richtigen" Stelle das runde Feld, in dem man das Kreuz setzen muss. So hat es auch der Pfarrer immer gepredigt - nicht ganz so direkt, aber ...

Die letzten drei Wochen, eine Zeit der Abmahnungen von Bloggern und Hausdurchsuchungen, hat mich als Christ zum ersten Mal ernsthaft darüber nachdenken lassen, ob die CSU für mich noch wählbar ist. Gerade jetzt vor den Landtagswahlen eine wichtige Frage.

freiheit_aushalten_demokratie_wagen.jpgIn einem Feld, das ich die letzten Wochen hautnah miterleben konnte, muss ich diese Frage heute verneinen. Ich meine das Feld der freien Meinungsäußerung. Über dieses Thema bin ich darauf gestoßen, dass es vor allem die C-Parteien in unserem Land sind, die mit immer schärferen Gesetzen meiner Meinung nach die freie Meinungsäußerung Land erschweren. Zwar sind wir noch weit von Verhältnissen wie in China entfernt, aber die Tatsache, was jetzt schon alles an Überwachung des Bürgers möglich ist, das empfinde ich als erschreckend und bedrohlich.

Nun sagen Sie bitte nicht: Wer sich an die Gesetze hält, hat nichts zu befürchten! Das ist meiner Meinung nach naiv. Auch in Unrechtsstaaten hat niemand etwas zu befürchten, der sich an die Gesetze hält. Ein Staat, der von Politikern meiner Meinung nach immer mehr zu einem Überwachungsstaat umgearbeitet wird, kann durchaus auch für unbescholtene Bürger zur Gefahr werden. Wie schnell man unschuldig in die Mühlen der Justiz geraten kann, davon kann mancher ein Lied singen.

Oder was mir vor kurzem geschah: Weil die SCHUFA auf meinen Namen falsche Einträge gespeichert hatte, wurde mir bei der Bank der Dispokredit gekündigt und ich hatte Wochen lang zu tun, bis ich von der SCHUFA ein Schreiben bekam, dass sie sich geirrt hätten und sie mich mit einem Score von 97 % neu einstuften. Ohne eine Entschuldigung. Aber der Irrwitz dabei war, dass ich noch dafür "bezahlen" musste, dass die SCHUFA die falschen Daten korrigierte, denn man muss, um überhaupt seine eigenen Daten bei der SCHUFA einsehen zu können, 15 € Gebühr bezahlen. Das Gefühl, eine Nummer in diesem System zu sein, einer riesigen und übermächtigen Institution ausgeliefert zu sein, ist das Geringste, was man dabei fühlt.

Und dazu noch die vielen neuen Gesetze zur Überwachung der verschiedensten Lebensregungen, die vor allem von Seiten der C-Parteien vorangetrieben wurden!

Liebe Mitchristen! Als katholischer Theologe bitte ich Sie schon aus diesem Grund ihre Wahlentscheidung zur Landtagswahl in Bayern genau zu überlegen. Ich kann verstehen, dass Sie glauben, diese Gesetze seien notwendig und hilfreich Terroristen zu bekämpfen. Helfen diese Gesetze aber wirklich? Überlegen Sie, wozu diese Gesetze noch dienen könnten! Ich bitte Sie, machen Sie es sich nicht so leicht bei der Wahl, wie ich es mir Jahrzehnte gemacht habe!

Liebe Mitchristen! Ich selbst habe in den letzten drei Wochen einen heilsamen Bekehrungsprozess durchgemacht, den ich Ihnen gerne ersparen würde. Und vielleicht stehen wir ja alle mal vor IHM, der uns fragt: "Christ, wie hast du es mit der Meinungsfreiheit gehalten?"

Ich danke Ihnen, dass Sie diesen Blogeintrag bis zum Ende gelesen haben.

Das verwendete Bild stammt von Gerd Altmann / Pixelio.de.

Matthias Stöbener 06.08.2008, 21.31 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Von der Gestapo verhaftet

Mein Großvater war ein einfacher Arbeiter. Und doch hat ihn die Gestapo verhaftet. Er hat in einem kleinen Ort im Pfälzer Wald namens Hauenstein gewohnt. Die Fabrik, in der er am Band Schuhe gefertigt hat, steht heute noch. Die blauen, an den Rändern verrosteten Blechschriftzüge an der östlichen Fassadenwand der Fabrik, in der er gearbeitet hat, sehe ich noch heute vor mir: SÜDDEUTSCHE SCHUHFABRIK war da zu lesen. Die Fabrik steht noch heute mitten im Ort. Industriebrache. Leerstand. Schuhe werden heute in Ungarn, Kasachstan, China und in anderen Billiglohnländern gefertigt, wo die Leute spuren und nicht viel Lohn verlangen können.

In der SÜDDEUTSCHEN, wie wir die Fabrik kurz nannten, war mein Großvater "Zwicker". Er hatte acht Kinder. Und trotzdem hat ihn die Gestapo verhaftet. Noch nie habe ich öffentlich darüber gesprochen. Aber heute ist der Tag dazu. Denn mein Großvater, der "Zwicker", der den Lederschaft eines Schuhes mit einer Nagelmaschine an der Brand-Sohle befestigte, damit die so genannten Stepperinnen das Leder fest an der Brand-Sohle annähen konnten, dieser Zwicker war den Nazis nicht zu gering, als dass sie ihn nicht festnahmen. Mein Großvater hat nie über diese Zeit gesprochen. Er hat uns nie erzählt, was er in Gestapohaft erlebte, ob sie ihn gefoltert haben. Er überlebte. Sein Bruder, den sie, weil er Soldat war, in ein Strafbataillion steckten, überlebte den Krieg nicht. Er fiel in der Nähe von Ludwigshafen.



Dies ist ein Bild von Lucie Kärcher / Pixelio.de mit dem Titel "Hand in Hand".


Der Fehler meines Großvaters und seines Bruders war: Beide verteidigten die Meinungsfreiheit gegen ein Unrechtsregime. Sie haben gesagt, was sie dachten. Das war den Machthabern nicht recht, passte nicht in ihr Weltbild.

Ich sehe meinen Großvater noch vor mir: Seine schwieligen Hände, sein Gesicht mit dem Krankenkassengestell aus Horn. Einmal im Monat kam er immer und schenkte mir 5 Mark - wie jedem seiner zweiundzwanzig Enkel. Wie mutig dieser Mann war, wird mir erst heute so richtig klar. Zu sagen, was man denkt, das ist ein Luxus, den sich nur starke Persönlichkeiten leisten können. Auch heute braucht es diese Persönlichkeiten, diesen Mut. Dann sähe manches anders und besser aus.


Matthias Stöbener 16.07.2008, 21.43 | (0/0) Kommentare | TB | PL

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