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Tag: Welserhaus
Schauspielerisches Talent gesucht
Anlässlich der Neueröffnung des Fugger- und Welser-Erlebnismuseums im Herbst 2011 sucht die Regio Augsburg Tourismus GmbH einen sprachgewandten Bartholomäus-Welser-Darsteller, der dem Schauspieler Heinz Schulan in seiner Rolle als Jakob Fugger zur Seite steht.
Während in der Fuggerei die soziale Thematik der Renaissance aufgegriffen wird, soll im neuen Museum im Wieselhaus im Domviertel die Wirtschaftsgeschichte der Frühen Neuzeit aufbereitet werden. Dabei spielt auch Bartholomäus Welser eine große Rolle, dessen Bedeutung sich bei Weitem nicht auf Augsburg beschränkt. Unter der Führung des berühmten Patriziers erreichte die Handelsfamilie den Höhepunkt ihres Reichtums, finanzierte die Wahl Karls V. zum Kaiser mit und beteiligte sich an der Kolonisation Amerikas. Bartholomäus Welser war ein kluger und kühler Kopf, der seine Absichten zielstrebig durchzusetzen wusste.
Die Regio Augsburg Tourismus GmbH sucht nun einen Darsteller, der diese selbstbewusste und dynamische Ausstrahlung des Welsers auch zu verkörpern weiß. Wenn Sie die notwendigen schauspielerischen Fähigkeiten und die passende Erscheinung mitbringen (etwa zwischen 40 und 45 Jahre alt, ab 175 cm groß, am besten mit Vollbart), freut sich die Regio über eine E-Mail an regio3(@)regio-augsburg.de.
So ist in der PM der Regio zu der Schauspielersuche zu lesen. Diese Lobesworte zu den großen Augsburger Welser sollten noch ergänzt werden, damit der gesuchte Darsteller den Welser auch wirklich realitätsnah spielen kann: In der Augsburger Fußgängerzone, genauer: in der Annastraße erinnert eine Gedenktafel an den "Kolonisator" Bartholomäus Welser, der dort gewohnt haben soll. Tatsächlich hatten die Welser, eine angesehene Augsburger Patrizier- und Handelsfamilie, im Jahr 1526 als Gegenleistung für die Kredite an Kaiser Karl V. die Provinz Venezuela zur Ausbeutung überschrieben erhalten. Über die Kolonisation im Auftrag der Welser berichtet der Mönch Bartholome de las Casas:
"Sie kamen mit etwas mehr als dreihundert Mann in dies Land und fanden an den Bewohnern desselben eben so sanfte, ja noch weit sanftere Lämmer, als alle anderen Indianer dieser Gegenden waren ... Ich denke aber, sie wüteten weit grausamer unter ihnen als alle bereits erwähnten Barbaren; ja noch viehischer und rasender als die blutigen Tiger und wütigsten Wölfe und Löwen. Vor Geiz und Habsucht handelten sie weit toller und verblendeter als alle ihre Vorgänger, entsannen noch abscheulichere Mittel und Wege, Gold und Silber zu erpressen, setzten alle Furcht vor Gott und dem Könige und alle Scham vor Menschen hintenan; und da sie so große Freiheiten genossen, und die Jurisdiktion des ganzen Landes in Händen hatten, so vergaßen sie beinahe, dass sie Sterbliche waren."
Die Statthalter der Welser fanden in Venezuela aber nur wenig Gold, vielmehr interessierten sie sich für den Sklavenhandel, der hohe Gewinne abwarf. 1528 erwarben die Welser für 20.000 Dukaten ein Monopol für den Sklavenhandel. Die Kolonisation Venezuelas endete für die Welser in einem Fiasko: Bartholomäus Welser wurde auf dem letzten erfolglosen Goldraubzug von einem Konkurrenten hinterrücks erschlagen. Im Jahr 1556 wurde den Welsern "ihre" Kolonie aberkannt. 1614, ein halbes Jahr später, brach das Welsersche Handelsimperium in der Folge des spanischen Staatsbankrottes endgültig zusammen.
Im "Kolumbusjahr" 1992 ließen die Vereine Werkstatt Solidarische Welt e. V. (damals noch Partnerschaft Dritte Welt) und die Geschichtswerkstatt e. V. eine indianische Basisinitiative aus Venezuela und eine Reihe anderer Organisationen im Augsburger Stadtrat einen Antrag stellen, der die Anbringung einer weiteren Gedenktafel am Welserhaus zum Ziel hatte, um an die indianischen Opfer der europäischen Eroberer zu erinnern. Gutachter wurden bemüht, Expertisen geschrieben, der Antrag zwischen verschiedenen Referaten hin- und hergeschoben. Es stellte sich heraus, dass die bestehende Gedenktafeln dort zu Unrecht hängt, weil Bartholomäus Welser dort nie gewohnt hat. Es wurde beschlossen, die heutige Gedenktafeln vom Haus zu entfernen, was aber bis heute nicht geschehen ist. Man braucht nur vor dem Haus Annastraße 25 stehen zu bleiben und die Lobhudelei auf den Menschenschinder, Frühkapitalisten und hoffentlich in der Hölle bratenden Welser zu lesen.
Matthias Stöbener 03.03.2010, 08.46 | (0/0) Kommentare | TB | PL




