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Tag: politische Verfolgung

Von der Gestapo verhaftet

Mein Großvater war ein einfacher Arbeiter. Und doch hat ihn die Gestapo verhaftet. Er hat in einem kleinen Ort im Pfälzer Wald namens Hauenstein gewohnt. Die Fabrik, in der er am Band Schuhe gefertigt hat, steht heute noch. Die blauen, an den Rändern verrosteten Blechschriftzüge an der östlichen Fassadenwand der Fabrik, in der er gearbeitet hat, sehe ich noch heute vor mir: SÜDDEUTSCHE SCHUHFABRIK war da zu lesen. Die Fabrik steht noch heute mitten im Ort. Industriebrache. Leerstand. Schuhe werden heute in Ungarn, Kasachstan, China und in anderen Billiglohnländern gefertigt, wo die Leute spuren und nicht viel Lohn verlangen können.

In der SÜDDEUTSCHEN, wie wir die Fabrik kurz nannten, war mein Großvater "Zwicker". Er hatte acht Kinder. Und trotzdem hat ihn die Gestapo verhaftet. Noch nie habe ich öffentlich darüber gesprochen. Aber heute ist der Tag dazu. Denn mein Großvater, der "Zwicker", der den Lederschaft eines Schuhes mit einer Nagelmaschine an der Brand-Sohle befestigte, damit die so genannten Stepperinnen das Leder fest an der Brand-Sohle annähen konnten, dieser Zwicker war den Nazis nicht zu gering, als dass sie ihn nicht festnahmen. Mein Großvater hat nie über diese Zeit gesprochen. Er hat uns nie erzählt, was er in Gestapohaft erlebte, ob sie ihn gefoltert haben. Er überlebte. Sein Bruder, den sie, weil er Soldat war, in ein Strafbataillion steckten, überlebte den Krieg nicht. Er fiel in der Nähe von Ludwigshafen.



Dies ist ein Bild von Lucie Kärcher / Pixelio.de mit dem Titel "Hand in Hand".


Der Fehler meines Großvaters und seines Bruders war: Beide verteidigten die Meinungsfreiheit gegen ein Unrechtsregime. Sie haben gesagt, was sie dachten. Das war den Machthabern nicht recht, passte nicht in ihr Weltbild.

Ich sehe meinen Großvater noch vor mir: Seine schwieligen Hände, sein Gesicht mit dem Krankenkassengestell aus Horn. Einmal im Monat kam er immer und schenkte mir 5 Mark - wie jedem seiner zweiundzwanzig Enkel. Wie mutig dieser Mann war, wird mir erst heute so richtig klar. Zu sagen, was man denkt, das ist ein Luxus, den sich nur starke Persönlichkeiten leisten können. Auch heute braucht es diese Persönlichkeiten, diesen Mut. Dann sähe manches anders und besser aus.


Matthias Stöbener 16.07.2008, 21.43 | (0/0) Kommentare | TB | PL

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