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Bericht aus Moskau

Vor wenigen Tagen schrieb mir meine Moskauer Freundin, die fast zwei Jahre in Augsburg studiert hat, einen - ja, wie soll ich es nennen - Zustandsbericht über ihre Arbeit in einer deutsch-russischen Firma in Moskau. Ich gebe den Bericht hier so wider, wie sie ihn mir geschickt hat. Überschrieben ist er mit "Hilfe!":

Meine Hilfe ist selbstlos. Nein, ich leiste sie nicht aus Mitleid. Und auch nicht aus Großzügigkeit. Nein. Ich tue das, weil man sie braucht. Ich bin nicht unersetzbar. Das heißt, man kann mich durch jemand anderen ersetzen. Und niemand wird bereuen, dass nicht iches bin, sondern es jemand anderer ist. Leute merken nicht, wer ihnen Hilfe leistet. Wichtig ist nur Hilfe. Hilfe, die jemand leistet. Ich, er, sie, wir alle.

Man kann sagen, es sei nicht Hilfe. Es sei Arbeit, was ich mache. Arbeit bringt Geld fürs Leben. Leben ist Essen, Kleidung, Kino, Reisen, Liebe. Alles kostet Geld. Warum ist es so, dass man für alles, was man Leben nennt, Geld ausgeben muss? Wer hat es so erfunden? Wer ist auf diese Idee gekommen? Ich würde ihm gern einmal in die Augen schauen.

Meine Hilfe nennt man üblicherweise Arbeit. Weil sie bezahlt wird. Von der Firma, in deren Sessel ich fest (?) sitze. Ich komme jeden Tag um 8.46 ins Büro. Ich mache einen Fingerabzug am Apparat, der den Anfang meiner Arbeitszeit fixiert. Um 9.00 zu kommen, bedeutet eine Verspätung. Drei Verspätungen im Monat bedeuten Strafe 20% Abzug vom Monatsgehalt. Das heißt egal, ob Stau, Zugverspätung, Explosion in der U-Bahn, Hurrikan, ob Feuerbrand oder Wasserströmung man muss um spätestens eine Minute vor neun anwesend sein. Bitte schön.

Morgens früh um 8.46 dürfen wir eine Tasse Kaffe im Cafe des ersten Stocks trinken. Bis 8.59 Uhr. Vor kurzem bin ich eine Minute später noch im Cafe gesessen. Kurz danach bekam ich ein Foto per E-Mail geschickt. Abzug von der Kamera im Cafe. 9 Uhr, 00 Minuten, 26 Sekunden. Der Titel lautete: »Kein Bock mehr in der Firma zu arbeiten? Ich werde es sofort ändern.« Ich antwortete: »Sehr geehrter A.N., es tut mir Leid, die Situation kommt nie wieder vor.« Seit dem Tag trinke ich nicht mehr Kaffee morgens im Cafe. Ich trinke ihn zu Hause und habe meine Ruhe.

Mein Chef ist ein gut aussehender junger Mann, 35. Jahre alt. Vor einigen Monaten ist es Vater geworden. Er scheint nie zufrieden zu sein und schreit immer mit seinen Untergebenen. Wenn ich ihm im Büro ab und zu begegne, sage ich mit lauter Stimme und höflich: »Guten Tag, A.N.« Wir nennen unseren Chef alle A.N. Nach dem Vornamen und Vatersnamen. Ich habe von ihm nie eine Antwort auf meinen Gruß gehört. Allmählich beginne ich mich zu fragen, ob er schwerhörig ist.

Aber zurück zur Hilfe, die man irrigerweise Arbeit nennt.

Der Raum, in dem ich mich samt meinen 13 Kollegen befinde, ist knapp vier Meter breit und zehn Meter lang. Wände und Türen dieses Zimmers sind aus Glas. Eine Wand ist schief, so dass der Chef aus dem Korridor alle Kollegen auf ihren Plätzen sehen kann. Zwei von uns haben das Glück, zur Straße hin am Fenster zu sitzen. So können sie ein wenig Abwechslung haben, denn sie dürfen einen Ausblick auf den urbanen Bezirk und verkehrsverstopfte Straßen erhaschen. Alle 14 Mitarbeiter haben Tische, die durch eine 1.60 Meter hohe Trennwand voneinander abgegrenzt sind. Jeder Platz ist mit einem Computer, einem Telefon und einem Regal für Ordner ausgerüstet. Wir sehen einander nicht, jeder sitzt in seiner 1 x 1 Meter breiten Kammer am Computer, beantwortet E-Mails und Anrufe. Wir sind an ein internes und zwei externe Werksysteme angeschlossen, die immer angeschaltet werden sollen. Wir geben unseren Kollegen zahlreiche Informationen zu ihren Aufträgen, rechnen, gestalten, überprüfen, alles schnell und online. Wir helfen ihnen mit schnellen Antworten auf ihre Fragen, helfen bei Schwierigkeiten, helfen, wenn der Kunde etwas »einfach so« wissen will, denn der Kunde ist das Wichtigste in unserem Werk. Wir sind immer da, wenn man unsere Hilfe braucht.

Außer zwei externen und einem internen Programm und MS-Office-Programmen haben wir nichts auf dem Computer. Keinen Internetanschluss, keinen Media-Player. USB-Flashkarten dürfen wir auch nicht benutzen. Denn Informationen über unsere Kunden und ihre Aufträge sind vertraulich. Wir dürfen nichts weiterleiten. Das versteht sich von selbst.

In der Zeit zwischen zwei und drei Uhr darf ich eine Mittagspause machen. Es gibt zwei Varianten: entweder Mittagessen in der Kantine für Mitarbeiter im zweiten Stock, wo man für knapp 150 Rubel (ca. 4.50 EUR) Salat, Suppe, ein Warmgericht und Kompott haben kann, oder Lunch im Cafe für Kunden, mindestens 250 Rubel für dasselbe. Nachdem ich zweimal eine Speisevergiftung gekriegt habe, esse ich nicht mehr in der Kantine. Nicht, dass Sie denken, das Essen wäre nicht frisch. Aber das Geschirr, in dem man das Essen bekommt, wird auf die Schnelle mit reichlich »Fairy« und wenig Wasser abgewischt, so dass man Kartoffelpuffer und Fleisch in hübscher Umrandung mit regenbogenfarbenen Seifenblasen bekommt. Über das Besteck will ich nicht viel sagen. Ich ahne nur, die Kantinemitarbeiter denken, wir seien alle ein Teil des Kommandos, eine Familie sozusagen, also brauchen wir keinen Ekel zu haben, einer nach dem anderen dasselbe Besteck zu benutzen. Eine Firma eine Familie. Ein Leib, ein Besteck. Deshalb esse ich nicht mehr in der Kantine. Es bleibt der Business-Lunch im Cafe übrig. Das Cafe befindet sich in der »Zone für Kunden«. So nennt man das bei uns. Das heißt, im Cafe sitzen wohlhabende Kunden, mit dicken Geldbeuteln und schick angezogen. DG, Armani, Ferre und so Zeug. Also, man sollte sich entsprechend benehmen. Und - wünschenswert - entsprechend aussehen. Für Mitarbeiter ist immer ein und derselbe Tisch gedeckt. Nur ein Tisch. Wir dürfen uns nicht an andere Tische setzen, denn andere Tische sind für Kunden. Im Cafe sind 12 Tische, zwei LCD-Fernseher, eine Lounge-Zone mit weichen Sesseln, wo besonders wichtige Kunden ihre Zigarren rauchen dürfen. Es gibt sogar ein Aquarium mit Goldfischen, dessen funktionale Bedeutung sich für mich aber bisher nicht erschlossen hat. Die Zeit des Mittagessens im Cafe ist für jeden Mitarbeiter im Voraus zu buchen und darf nicht länger als 30 Minuten dauern.

Für mich ist diese halbe Stunde einem Schluck frischer Luft äquivalent. Während des Mittagessens darf ich abschalten und ein paar Worte mit lebendigen Menschen wechseln, die von mir keine Informationen brauchen, sondern einen Witz, eine Geschichte oder einfach etwas anderes. Ich brauche diese Abwechslung. Denn den Rest meiner Zeit in der Firma verbringe ich im Bürostuhl mit schlecht fixierter Lehne und vor dem Computer.

Unser offizieller Arbeitstag endet um 18 Uhr. Aber um 18 Uhr aufzustehen und gehen wird als Verbrechen empfunden. Das wird in unsere Köpfe eingehämmert. Wenn man um kurz nach 18.00 Uhr nach Hause geht, bedeutet das in Augen unserer Chefs, dass man wenig zu tun hat. Und dann bekommt man Aufgaben. Von diesen Aufgaben kann man leicht krank werden. Denn auf einen Fehler hast du kein Recht und die Deadline ist natürlich gestern. Also, solche Aufgaben sind extrem eilig. Blitzschnell auszuführen. Und du gehst nicht, bevor du die Aufgabe erledigt hast. Solche Aufgaben bekommen wir fast jeden Tag. Und fast jeden Tag ist die Aufgabe ein Spiegel der gestrigen, also eine Aufgabe, bei der du alles umgekehrt machen musst wie gestern. Aber es ist der Wunsch des Chefs.

Ich bin 27.Jahre alt. Habe eine Universitätsausbildung, bin kontaktfreudig, aktiv und lernfähig. Ich bin nun zwei Jahre lang Angestellte dieser deutsch-russischen Firma. Ich komme um 8.46 Uhr und gehe, wann meine Führung es erlaubt. Um 21.00 Uhr und später. Ich verbringe im Sitzen fast 80% meines Lebens. In einem schwülen Raum am Computer. Habe keine bezahlte Krankenversicherung. Ich nenne es nicht »Arbeit«. Ich nenne es »Hilfe«. Ich helfe nicht aus Mitleid. Ich helfe, weil man meine Hilfe braucht.

Ach ja: Unsere Firma hat den höchsten Umsatz in ihrer Branche.

Matthias Stöbener 15.02.2009, 12.26 TB | PL | einsortiert in: Soziales | Tags: Moskau, Arbeitsbedingungen, Deutsch-russische Firma,

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