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Eine Konkurrenz für die Augsburger Allgemeine?

Regiowikis seien eine Konkurrenz für Lokalzeitungen. Diese Behauptung stellt Mathias Hamann heute auf Spiegel Online - Netzwelt auf. Wahrscheinlich schreibt er das, damit alle Regionalwikis Deutschlands seinen Artikel verlinken und Spiegel Online Besucher bringen. Denn gebauchpinselt kann man sich als Regionalwiki-Schreiberling schon fühlen, wenn einem vom Spiegel auf diese Weise quasi ein journalistischer Ritterschlag erteilt wird.

Bei genauerem Hinsehen und Nachdenken allerdings stellt sich heraus, dass die Behauptung so falsch ist, wie sie zunächst einleuchtend erscheint. Denn: Ein Regionalwiki kann von seinem Verständnis her keine Zeitung sein. So fehlen  - wie Mathias Hamann in seinem Artikel selbst bemerkt - viele journalistische Stilarten wie Glosse oder Kommentar. Stattdessen sind Regionalwikis wie Sachbücher geschrieben, wie Nachschlagewerke, wie Lexika. Es geht in einem Wiki nicht darum, Aktuelles darzustellen, sondern darum, Orientierung zu geben, zu ordnen, zu sichten. Menschen, die wie ich, ein Regiowiki schreiben, sind eher Archivare oder meinetwegen auch in gewisser Weise Chronisten, was auch in Mathias Hamanns Artikel zum Ausdruck kommt. Aber eine Zeitung wollen sie nicht herausgeben. Jedenfalls, wenn ich die Idee, die hinter Regiowikis steht, richtig verstehe.

Nein, für eine Konkurrenz zur Lokalzeitung taugen wir Regiowiki-Schreiberlinge nicht. Umgekehrt muss ich auch Matthias Hamann mit seiner Behauptung widersprechen, Zeitungsverlage würden hier eine Entwicklung verschlafen, sprich, sie sollten selbst Regiowikis betreiben. Mein Gott! Wie soll das denn eine Lokalzeitung finanzieren? Mit Werbung wird sie ein solches Wiki nicht finanzieren können. Das reicht gerade mal, um die Serverkosten zu finanzieren, um es mal deutlich zu sagen. Und das ist auch der Grund, warum Lokalzeitungen die Finger von einem Stadt- oder Regiowiki lassen. Denn Zeitungen wollen ja verdienen, müssen Redakteure bezahlen etc. - zumindest, um die Artikel einigermaßen in Form zu bringen und zu überprüfen, und wenn es nur darum geht, herauszufinden, ob jemand irgendwo abschreibt und eine Urheberrechtsklage drohen könnte.

Eine Lokalzeitung kann ein Regio- oder Stadtwiki also nur sponsern. Irgendeine Form der Kooperation mit dem oder den Betreibern von solchen Wikis finden. Vielleicht in der Art: Übernahme von Texten im Wiki gegen Werbebanner oder einen sonstigen Verweis auf die Lokalzeitung. Oder die Zeitung übernimmt die Serverkosten und wird als Sponsor genannt. Etwas anderes wird kaum funktionieren, denke ich.

Meines Erachtens zeigt das auch das Beispiel der Augsburger Allgemeinen. Mit wieviel Brimborium wurde dort das Leserbeteiligungsportal "Servus" gelauncht! Und wenn ich mir anschaue, was es bringt, was sich nach Monaten getan hat: Mir scheint nicht viel. Was meiner Meinung nach funktioniert, ist das Forum und sind die Blogs. Klar: In beiden Web-Stilformen können Frau Meier und Herr Müller ordentlich drauflos schreiben und drauflos hauen. Und beide haben auch noch den Eindruck ernst genommen zu werden, weil sie das ja auf einer anerkannten Zeitung dürfen. Aber sonst? Echter Inhalt meiner Meinung nach Fehlanzeige. Denn: Artikel wie in einem Wiki zu schreiben, kosten Zeit, viel Zeit, müssen recherchiert werden. Oft Wochen lang. Ich schreibe aus Erfahrung. Und dazu sind sich die Möchtegern-Journalisten, die gern mal in einem Blog oder im Forum drauflos schreiben und hauen, dann doch zu bequem.

Aber bleiben wir bei den Blogs. Diese sind wirklich eine Bedrohung für Lokalzeitungen, besonders wenn sie - wie die DAZ - Die Augsburger Zeitung - als seriöse Internetzeitung mit journalistischem Anspruch daherkommen. Von dieser Seite bläst einer Regionalzeitung wie der Augsburger Allgemeinen der Wind ins Gesicht. Nicht von einem Regionalwiki. Ich beobachte es bei mir: Längst haben wir keine Augsburger mehr im Haus, informieren wir uns im Internet. Ich habe mir bei Google einen Alert zum Thema "Augsburg" eingerichtet. Und was lese ich? Nicht nur Artikel von der Augsburger Allgemeinen, sondern auch immer häufiger Artikel von der DAZ. Und die sind nicht selten von guter Qualität! Auch greifen die Redakteure oft Themen auf, die in der Augsburger Allgemeinen nicht existieren. Zumindest ist die DAZ eine notwendige Ergänzung zur Augsburger Allgemeinen. Ich glaube sogar zu bemerken, dass sich die politische und gesellschaftliche Szene in Augsburg verändert hat, seit es die DAZ gibt. Nicht, dass mir die politische Ausrichtung der Zeitung immer gefällt. Aber sie trägt zu einer neuen Politikkultur in Augsburg bei, die ich zumindest unter der Ära der Monokultur einer Augsburger Allgemeinen sehr vermisst habe. Und das werden nach und nach viele weitere Augsburger spüren. Und das wird am Ende die Augsburger Allgemeine unter Druck setzen. Meine ich.

Matthias Stöbener 01.10.2009, 22.26 TB | PL | einsortiert in: Kultur | Tags: Regiowikis, Augsburger Allgemeine, DAZ,

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