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Blogeinträge (themensortiert)

Thema: Soziales

Weltfrauentag

Am Montag war Weltfrauentag. Schon Anfang März wies Martina Wild, die frauenpolitische Sprecherin der GRÜNEN Stadtratsfraktion darauf hin, dass in Augsburg heute weniger Frauen in der Verwaltung Führungspositionen einnehmen als früher. Eine Folge der konservativen Regierungsübernahme? Gilt wieder: Frauen zurück an den Herd?


Frau Wild zitiert eine Datenerhebung der Gleichstellungsstelle für die Stadtverwaltung Augsburg. Eine Frau als Referentin? Fehlanzeige! Eine Bürgermeisterin? Nööö, brauchen wir in Augsburg nicht. Augsburg hat 7 Referate, 2 Direktorien, 35 Ämter und 12 städtische Schulen, aber nur zwei Amtsleiterinnen, eine Intendantin, eine Fachbereichsleiterin und drei Rektorinnen. Und das, obwohl der Stadtrat im Jahr 2007 beschlossen hat, dass die Gleichstellung von Frauen und Männern in der Stadtpolitik Augsburg und in der Stadtverwaltung ein wichtiges Entscheidungskriterium sein soll. Aber 2007: War das nicht vor der konservativen Rolle rückwärts in Augsburg?

Jetzt sage keiner: Frauen wollen doch gar keine Karriere machen. Frauen sind zufrieden, wenn sie nicht so viel verdienen wie Männer, auch wenn sie die gleiche Arbeit machen. Frauen wollen doch lieber für die Familie da sein, als in der Gesellschaft eine Rolle zu spielen wie Männer. In Wirklichkeit haben es Frauen immer noch viel schwerer, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen als Männer. In Wirklichkeit bleibt die Sorge für Familie und Kinder immer noch zum viel größeren Teil an ihnen hängen. Beides zu verbinden, dazu finden sich immer noch viel zu wenig Hilfen. Und die Friedensstadt Augsburg, die sich rühmt, den Ausgleich von Konfessionen geschafft zu haben, ist ein schlechtes Vorbild, was den Ausgleich von Mann und Frau im Beruf und öffentlichen Leben betrifft. Ich vermute mal, das bleibt so lange, wie Frauen brav konservative Männerköpfe wählen. 

Matthias Stöbener 11.03.2010, 09.31 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Bürgerbegehren Stadtbad

Wer noch beim Bürgerbegehren für die Erhaltung des denkmalgeschützten Augsburger Alten Stadtbades in kommunaler Hand unterschreiben will, kann das an folgenden Stellen tun:


* Lotto/Tabak-Laden, Jakoberstraße 12, 86152 Augsburg (Mo-Sa)
* Das Grüne Büro, Maximilianstraße 17, 86150 Augsburg (Mo-Do)
* multicopy am Dom, Frauentorstraße 4, 86152 Augsburg (Mo-Do)
* Kokos Vitaminbar, Moritzplatz (Schranne) (Mo-Sa)

Außerdem wir es immer samstags den Infostand vor dem Stadtbad geben, wo man auch unterschreiben kann. Liebhaber Augsburger Kultur- und Sportstätten werden die nächsten Tage zur Unterschrift nutzen.

Die CSU und die anderen bürgerlichen Parteien, die Geld für Banken und Semmeltasten locker machen, werden sicher auch kein Problem haben, ein bisschen Geld für diejenigen zu erübrigen, die sich keinen eigenen Swimmingpool mit Wellnessbereich oder einen Urlaub in einem karibischen Resort mit fünf oder sechs Sternen leisten können. Und wenn nicht, müssen wir Bürgerinnen und Bürger dafür sorgen, dass und die gesponserten Banken und entlasteten Spitzenverdiener wieder so viele Brosamen vom Tisch fallen lassen, dass es für ein städtisches Badevergnügen reicht, das auch für ärmere Schichten offen steht.

Es kann ja nicht angehen, dass ein städtisches Theater erhalten bleibt, auf das die Stadt etwa 70 Euro pro Karte drauflegt, ein städtisches Hallenbad, das mit einem städtischen Zuschuss von etwa 13 Euro pro Karte auskommt, aber geschlossen wird, nur weil die Honoratioren dieser Stadt lieber mit ihresgleichen im Theater und mit funkelnder Garderobe gesehen werden wollen als mit Hüftspeck und schwabbelnder Orangenhaut im Volksbad für Hinz und Kunz.

Matthias Stöbener 02.03.2010, 08.41 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Obdachlose als Comic-Helden

Seit 1995 gibt es das Straßenmagazin »Riss, Augsburgs Zeitschrift für soziale Themen«. Es kann nur bei Straßenverkäufern erworben werden. Menschen ohne Wohnung am Rand der Gesellschaft können auf diese Weise etwas Geld einnehmen, ohne betteln zu müssen. 80 Cent vom Verkaufspreis von 1,50 Euro dürfen sie behalten. Der Rest deckt die Druckkosten. Die Redaktion arbeitet ehrenamtlich.

In fast jeder Riss-Ausgabe gibt es eine Seite der Comic-Serie »Richie, der Gerissene«. 52 Folgen sind bis heute erschienen. Zeichner Andreas Alt (44) beschäftigt sich auf diese Weise mit der Situation Augsburger Obdachloser: satirisch zugespitzt, nicht immer ganz ernst gemeint, aber immer mit einem ernsten Hintergrund.

risskantbild2.jpgJetzt werden einige von ihnen vom Verein »Tür an Tür«, dem Riss-Herausgeber, in Zusammenarbeit mit dem »Annapunkt ansprechBar« im Hollbau im Annahof ausgestellt. Ergänzt werden sie durch Aufnahmen der Riss-Fotografin Annette Zoepf und durch Daten und Fakten zu Armut und Obdachlosigkeit in Augsburg.

Die Ausstellung »Risskant Comics und Fotografien über Obdachlosigkeit in Augsburg« wird am Montag, 2. November, um 19.30 Uhr mit einem Vortrag des Armutsexperten Prof. Gerhard Trabert eröffnet und ist bis Ende November bei freiem Eintritt zu sehen.

»Richie der Gerissene« soll den Riss-Lesern alltägliche Probleme von Obdachlosen in Augsburg, die aber vielen Bürgern unbekannt sind, nahebringen. Dass die Richie-Gags für die Betroffenen nur selten zum Lachen sind, dokumentieren die Fotos von Annette Zoepf. Die 40-jährige Fotografin ist Gründungsmitglied der Riss-Redaktion. Mit dem Thema Obdachlosigkeit hatte sie sich schon 1996 in der Abschlussarbeit ihres Studiums der Visuellen Kommunikation beschäftigt, mit der sie die Lebensumstände einer wohnungslosen Frau in Augsburg dokumentierte.

risskantbild3.jpgZudem bietet die Ausstellung viele Informationen zur Wohnungslosigkeit in Augsburg, die vor allem eines bleibt: ein Makel einer noch immer relativ wohlhabenden Gesellschaft, in der manche nicht so leistungsfähige Menschen oft jedoch auch unverschuldet an den Rand gedrängt und aus der bürgerlichen Gemeinschaft ausgeschlossen werden.

Die Anlaufstelle »Annapunkt ansprechBar« ist zuständig für Infos, Kultur, Seelsorge, Kircheneintritt und geistliche Begleitung. Zugleich hat dieser Info-Punkt immer wieder mit den Herausforderungen der Obdachlosigkeit zu tun und will sich diesem sozialen Thema auch stellen. Die Ausstellung »Risskant« ist

montags bis freitags von 11 bis 16 Uhr und samstags von 12 bis 14 Uhr

geöffnet. Zur Ausstellung erscheint auch ein kleiner Katalog. Nähere Auskünfte: Annapunkt, Im Annahof 4, 86150 Augsburg. Tel: 0821/450 441-60, Fax: -87, Mail: info(@)annahof-augsburg.de.

Matthias Stöbener 31.10.2009, 08.48 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Mehr Sicherheit!

Rechtzeitig vor der Bundestagswahl passierte Solln. Und in Augsburg wurden ebenfalls Menschen verprügelt Gott sei Dank ohne Todesfolge. Die Augsburger Allgemeine versäumt es nicht, fast jeden Tag einen Artikel zu bringen, wie die Gewalt in unseren Städten, besonders in Augsburg, zunimmt. Schon in der Vergangenheit räumte das Blatt viele Seiten der Berichterstattung über die »schwierigen« Verhältnisse in der Maximilianstraße ein. Solche Ereignisse, solche Zustände machen Angst. Und diese Angst spielt den Parteien in die Hand, die mehr Sicherheit durch mehr Überwachung verlangen.

Sicher kann man Stadtbrennpunkte durch Kameras überwachen. Aber wollen wir ernsthaft eine Vollüberwachung unseres Lebens? Die bräuchten wir nämlich, wenn in der Eichenstraße in Haunstetten ein Familienvater verprügelt wird. Aber dann wird auch protokolliert, wenn Herr Müller seine Geliebte Frau Maier besucht und Erna S. den Hund gassi führt. Wenn man Parteien wählt, die mehr Überwachung durch Kameras fordern, muss man zu einer solchen Vollüberwachung des Lebens JA sagen. Auch wenn man am Ende dennoch nicht jeden Winkel ausleuchten kann.

Aber gibt es keine anderen Wege mit Gewalt umzugehen? Wieso gibt es Gewalt? Vielleicht fehlen gute Vorbilder. Vielleicht machen es sich Eltern und Gesellschaft mit Kindern und Jugendlichen zu leicht. Vielleicht werden in den Medien die falschen Werte vermittelt. Ich will nur anregen, einmal tiefer über die Ursachen von Jugendgewalt nachzudenken.

Bestrafung für gesellschaftswidriges Verhalten muss sein. Die Strafe muss dem Verhalten gegenüber angemessen sein und schnell erfolgen. Und die Gesellschaft muss Jugendlichen durch überzeugende Personen klarmachen, dass gewalttätiges Verhalten Ausdruck von Hilflosigkeit und Dummheit ist. Jugendlichen müssen positive Wege aufgezeigt werden, wie sie ihre Konflikte konstruktiv bewältigen können.

Ein solches Vorgehen ist viel anstrengender als Kameras aufzubauen. Aber glauben wir wirklich, dass uns Kameras an allen Ecken und Enden diese Mühe ersparen? Mehr Sicherheit, das meine ich, ist durch mehr Ausgaben in Sozialpädagogen und Psychologen an Schulen zu gewinnen. Jedenfalls wäre das ein erster Schritt, Jugendlichen in ihrer anscheinend immer schwerer werdenden Sozialisation zu helfen. Das Schlagwort »Mehr Sicherheit« zu plakatieren reicht gewiss nicht.

Matthias Stöbener 24.09.2009, 07.23 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Bin ich froh

dass sich wenigstens die Augsburger Bürgermeister Gribl und Grab gut verstehen! Wo doch sonst alles nicht so gut für Augsburg aussieht, man als Bürger den Eindruck bekommt, dass es noch lange, lange und lange dauern wird, bis die 100 Punkte, die uns der CSU-Oberbürgermeisterkandidat vor seiner Wahl versprochen hat, alle in die Tat umgesetzt sind. Wenigstens verstehen sich unser Kulturbürgermeister und Oberbürgermeister so super, dass sie das in einer eigenen Pressemitteilung heute der staunenden Augsburger Öffentlichkeit verkündet haben.

»Wir haben über personelle Besetzungen und Kapazitäten für das kulturelle Management des Sportereignisses konstruktiv und sehr kollegial miteinander diskutiert. Unsere Wahl war einvernehmlich und fiel mit Kulturkoordinatorin Iris Steiner nicht zuletzt auch aus finanziellen Gründen auf eine stadtinterne Lösung«, kann man auf der Webseite der Stadt Augsburg unter »Presse« lesen.

Tu felix Augusta Vindelicorum! Der nordkoreanische Diktator schärft seine Raketen, in Augsburg herrscht Friede weit und breit. Fast Friedhofsruhe.

Matthias Stöbener 01.07.2009, 21.07 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Straff und dellenfrei

"Orangenschalen sind hübsch als Weihnachtsdekoration - aber Oberschenkel im Orangen-Look? Lieber nicht!" So beginnt der Text eines Werbehighlights, das ich dieser Tage aus einer weggeworfenen Zeitung herauszog. Man möchte sich doch auf die heißen Tage am Badestrand freuen - aber mit Dellen an den Beinen, erschlaffter Haut an den Armen und Dehnungsstreifen am Bauch? Das mag doch keiner, versucht der Texter einer Augsburger Apotheken-Anzeige die lesende Augsburgerin zu verunsichern. Daneben ein halbnacktes schlankes Model mit hochgestreckten Beinen und dem Ausdruck von Selbstzufriedenheit auf dem Gesicht.


Frauen, so fährt der Textprofi weiter fort, sollten im Frühling ans Renovieren denken! Also den Körper generalüberholen. Dazu könne man Kapseln und Pulver für die Hautdichte, weniger Wassereinlagerungen und Cellulite einnehmen. Und dann gebe es noch hochkonzentrierte Ampullen und Cremes für ein - wörtlich - "straffes und knitterfreies Dekolleté"! Man kann sich einmassieren lassen, Cremes auftragen oder oder oder.

Aber bitte meine Damen! An dieser Stelle erhob der Apotheken-Werber drohend den Zeigefinger: Lassen Sie sich vom Apotheker beraten, wie man korrekt seine Figur pflegt! Auf dem Gebiet der Schönheit kann man ja so viel falsch machen: Falsche Pillen einnehmen, falsche Dosierungen etc.

Ja, Schönheit, so erkenne ich aus dem Text, ist zu einem riesigen Geschäft geworden, in dem jetzt auch Augsburger Apotheken ihr Stück vom Kuchen abhaben wollen. Apotheker werden als Experten für Schönheit bejubelt.

Mit solchen Werbetexten wird Frauen erst ein schlechtes Gewissen gemacht, sie könnten sich mit ihren vielen Mängeln kaum mehr in der Öffentlichkeit zeigen, um Ihnen dann im "Dienst" an Ihrer Schönheit und Ihrem Wohlbefinden das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Meine Frau meinte nach dem Lesen der Apotheken-Anzeige, das Gemeine an solchen Texten sei, dass ständig nur Frauen wegen ihres Äußeren kritisiert werden, aber kein Werber ähnlich verletzende Texte über Männerbierbäuche, Glatzen und schlaffe Brustmuskeln schriebe.

Matthias Stöbener 01.05.2009, 19.38 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Bericht aus Moskau

Vor wenigen Tagen schrieb mir meine Moskauer Freundin, die fast zwei Jahre in Augsburg studiert hat, einen - ja, wie soll ich es nennen - Zustandsbericht über ihre Arbeit in einer deutsch-russischen Firma in Moskau. Ich gebe den Bericht hier so wider, wie sie ihn mir geschickt hat. Überschrieben ist er mit "Hilfe!":

Meine Hilfe ist selbstlos. Nein, ich leiste sie nicht aus Mitleid. Und auch nicht aus Großzügigkeit. Nein. Ich tue das, weil man sie braucht. Ich bin nicht unersetzbar. Das heißt, man kann mich durch jemand anderen ersetzen. Und niemand wird bereuen, dass nicht iches bin, sondern es jemand anderer ist. Leute merken nicht, wer ihnen Hilfe leistet. Wichtig ist nur Hilfe. Hilfe, die jemand leistet. Ich, er, sie, wir alle.

Man kann sagen, es sei nicht Hilfe. Es sei Arbeit, was ich mache. Arbeit bringt Geld fürs Leben. Leben ist Essen, Kleidung, Kino, Reisen, Liebe. Alles kostet Geld. Warum ist es so, dass man für alles, was man Leben nennt, Geld ausgeben muss? Wer hat es so erfunden? Wer ist auf diese Idee gekommen? Ich würde ihm gern einmal in die Augen schauen.

Meine Hilfe nennt man üblicherweise Arbeit. Weil sie bezahlt wird. Von der Firma, in deren Sessel ich fest (?) sitze. Ich komme jeden Tag um 8.46 ins Büro. Ich mache einen Fingerabzug am Apparat, der den Anfang meiner Arbeitszeit fixiert. Um 9.00 zu kommen, bedeutet eine Verspätung. Drei Verspätungen im Monat bedeuten Strafe 20% Abzug vom Monatsgehalt. Das heißt egal, ob Stau, Zugverspätung, Explosion in der U-Bahn, Hurrikan, ob Feuerbrand oder Wasserströmung man muss um spätestens eine Minute vor neun anwesend sein. Bitte schön.

Morgens früh um 8.46 dürfen wir eine Tasse Kaffe im Cafe des ersten Stocks trinken. Bis 8.59 Uhr. Vor kurzem bin ich eine Minute später noch im Cafe gesessen. Kurz danach bekam ich ein Foto per E-Mail geschickt. Abzug von der Kamera im Cafe. 9 Uhr, 00 Minuten, 26 Sekunden. Der Titel lautete: »Kein Bock mehr in der Firma zu arbeiten? Ich werde es sofort ändern.« Ich antwortete: »Sehr geehrter A.N., es tut mir Leid, die Situation kommt nie wieder vor.« Seit dem Tag trinke ich nicht mehr Kaffee morgens im Cafe. Ich trinke ihn zu Hause und habe meine Ruhe.

Mein Chef ist ein gut aussehender junger Mann, 35. Jahre alt. Vor einigen Monaten ist es Vater geworden. Er scheint nie zufrieden zu sein und schreit immer mit seinen Untergebenen. Wenn ich ihm im Büro ab und zu begegne, sage ich mit lauter Stimme und höflich: »Guten Tag, A.N.« Wir nennen unseren Chef alle A.N. Nach dem Vornamen und Vatersnamen. Ich habe von ihm nie eine Antwort auf meinen Gruß gehört. Allmählich beginne ich mich zu fragen, ob er schwerhörig ist.

Aber zurück zur Hilfe, die man irrigerweise Arbeit nennt.

Der Raum, in dem ich mich samt meinen 13 Kollegen befinde, ist knapp vier Meter breit und zehn Meter lang. Wände und Türen dieses Zimmers sind aus Glas. Eine Wand ist schief, so dass der Chef aus dem Korridor alle Kollegen auf ihren Plätzen sehen kann. Zwei von uns haben das Glück, zur Straße hin am Fenster zu sitzen. So können sie ein wenig Abwechslung haben, denn sie dürfen einen Ausblick auf den urbanen Bezirk und verkehrsverstopfte Straßen erhaschen. Alle 14 Mitarbeiter haben Tische, die durch eine 1.60 Meter hohe Trennwand voneinander abgegrenzt sind. Jeder Platz ist mit einem Computer, einem Telefon und einem Regal für Ordner ausgerüstet. Wir sehen einander nicht, jeder sitzt in seiner 1 x 1 Meter breiten Kammer am Computer, beantwortet E-Mails und Anrufe. Wir sind an ein internes und zwei externe Werksysteme angeschlossen, die immer angeschaltet werden sollen. Wir geben unseren Kollegen zahlreiche Informationen zu ihren Aufträgen, rechnen, gestalten, überprüfen, alles schnell und online. Wir helfen ihnen mit schnellen Antworten auf ihre Fragen, helfen bei Schwierigkeiten, helfen, wenn der Kunde etwas »einfach so« wissen will, denn der Kunde ist das Wichtigste in unserem Werk. Wir sind immer da, wenn man unsere Hilfe braucht.

Außer zwei externen und einem internen Programm und MS-Office-Programmen haben wir nichts auf dem Computer. Keinen Internetanschluss, keinen Media-Player. USB-Flashkarten dürfen wir auch nicht benutzen. Denn Informationen über unsere Kunden und ihre Aufträge sind vertraulich. Wir dürfen nichts weiterleiten. Das versteht sich von selbst.

In der Zeit zwischen zwei und drei Uhr darf ich eine Mittagspause machen. Es gibt zwei Varianten: entweder Mittagessen in der Kantine für Mitarbeiter im zweiten Stock, wo man für knapp 150 Rubel (ca. 4.50 EUR) Salat, Suppe, ein Warmgericht und Kompott haben kann, oder Lunch im Cafe für Kunden, mindestens 250 Rubel für dasselbe. Nachdem ich zweimal eine Speisevergiftung gekriegt habe, esse ich nicht mehr in der Kantine. Nicht, dass Sie denken, das Essen wäre nicht frisch. Aber das Geschirr, in dem man das Essen bekommt, wird auf die Schnelle mit reichlich »Fairy« und wenig Wasser abgewischt, so dass man Kartoffelpuffer und Fleisch in hübscher Umrandung mit regenbogenfarbenen Seifenblasen bekommt. Über das Besteck will ich nicht viel sagen. Ich ahne nur, die Kantinemitarbeiter denken, wir seien alle ein Teil des Kommandos, eine Familie sozusagen, also brauchen wir keinen Ekel zu haben, einer nach dem anderen dasselbe Besteck zu benutzen. Eine Firma eine Familie. Ein Leib, ein Besteck. Deshalb esse ich nicht mehr in der Kantine. Es bleibt der Business-Lunch im Cafe übrig. Das Cafe befindet sich in der »Zone für Kunden«. So nennt man das bei uns. Das heißt, im Cafe sitzen wohlhabende Kunden, mit dicken Geldbeuteln und schick angezogen. DG, Armani, Ferre und so Zeug. Also, man sollte sich entsprechend benehmen. Und - wünschenswert - entsprechend aussehen. Für Mitarbeiter ist immer ein und derselbe Tisch gedeckt. Nur ein Tisch. Wir dürfen uns nicht an andere Tische setzen, denn andere Tische sind für Kunden. Im Cafe sind 12 Tische, zwei LCD-Fernseher, eine Lounge-Zone mit weichen Sesseln, wo besonders wichtige Kunden ihre Zigarren rauchen dürfen. Es gibt sogar ein Aquarium mit Goldfischen, dessen funktionale Bedeutung sich für mich aber bisher nicht erschlossen hat. Die Zeit des Mittagessens im Cafe ist für jeden Mitarbeiter im Voraus zu buchen und darf nicht länger als 30 Minuten dauern.

Für mich ist diese halbe Stunde einem Schluck frischer Luft äquivalent. Während des Mittagessens darf ich abschalten und ein paar Worte mit lebendigen Menschen wechseln, die von mir keine Informationen brauchen, sondern einen Witz, eine Geschichte oder einfach etwas anderes. Ich brauche diese Abwechslung. Denn den Rest meiner Zeit in der Firma verbringe ich im Bürostuhl mit schlecht fixierter Lehne und vor dem Computer.

Unser offizieller Arbeitstag endet um 18 Uhr. Aber um 18 Uhr aufzustehen und gehen wird als Verbrechen empfunden. Das wird in unsere Köpfe eingehämmert. Wenn man um kurz nach 18.00 Uhr nach Hause geht, bedeutet das in Augen unserer Chefs, dass man wenig zu tun hat. Und dann bekommt man Aufgaben. Von diesen Aufgaben kann man leicht krank werden. Denn auf einen Fehler hast du kein Recht und die Deadline ist natürlich gestern. Also, solche Aufgaben sind extrem eilig. Blitzschnell auszuführen. Und du gehst nicht, bevor du die Aufgabe erledigt hast. Solche Aufgaben bekommen wir fast jeden Tag. Und fast jeden Tag ist die Aufgabe ein Spiegel der gestrigen, also eine Aufgabe, bei der du alles umgekehrt machen musst wie gestern. Aber es ist der Wunsch des Chefs.

Ich bin 27.Jahre alt. Habe eine Universitätsausbildung, bin kontaktfreudig, aktiv und lernfähig. Ich bin nun zwei Jahre lang Angestellte dieser deutsch-russischen Firma. Ich komme um 8.46 Uhr und gehe, wann meine Führung es erlaubt. Um 21.00 Uhr und später. Ich verbringe im Sitzen fast 80% meines Lebens. In einem schwülen Raum am Computer. Habe keine bezahlte Krankenversicherung. Ich nenne es nicht »Arbeit«. Ich nenne es »Hilfe«. Ich helfe nicht aus Mitleid. Ich helfe, weil man meine Hilfe braucht.

Ach ja: Unsere Firma hat den höchsten Umsatz in ihrer Branche.

Matthias Stöbener 15.02.2009, 12.26 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Suizid bei Leipheim

Bis gestern war ich auf einem Online-Handelskongress in Mannheim. Mein Chef und ich fuhren gegen 18:30 Uhr in Mannheim ab. Augsburg sollte ich gegen 21 Uhr erreichen. Der ICE war gerade erst aus Ulm abgefahren, da gibt es einen kurzen Ruck, kaum spürbar, dann Vollbremsung des Zuges auf freier Strecke. Was ist jetzt los?

Zwei, drei Minuten später durcheilen Zugbegleiterinnen den ICE Richtung Ende, betretene Gesichter. Dann kommen sie wieder zurück. Durchsage: Wegen eines Personenschadens auf der Strecke, mussten wir bremsen. Wie es weitergeht, wissen wir nicht. Bitte haben Sie Geduld, wir werden Sie informieren. Wir Reisende schauen uns ratlos an. Sowas hat noch niemand erlebt. Personenschaden? Noch wagt keiner an einen Selbstmörder zu denken. Die Zugbegleiterinnen und -begleiter kümmern sich um uns. Bieten kostenlose Getränke an. Es sickert durch, dass sich wohl ein junger Mann im Bahnhof Leipheim vor den ICE geworfen hat. Etwa 200 Meter hat ihn der ICE mitgeschleift, aufgespießt auf den Dorn an der Zugnase.

Es heißt, wir müssten mindestens ein bis zwei Stunden warten. Die Staatsanwaltschaft samt Polizei war zuerst am Ort, dann die Rettungskräfte, die nicht mehr viel zu tun bekamen. Wir harren der Dinge. Nach einer geraumen Zeit ist klar, der Zugführer wird ausgetauscht, ein anderer Zugführer eingeflogen. Der neue Lokführer schiebt den ICE rückwärts in den Bahnhof Leipheim. Dort steigen die etwa 180 Reisenden unseres Zuges aus und auf einem anderen Gleis ein paar Minuten später in den nachfolgenden TVG, der uns Gestrandete aufnimmt und Richtung München mitnimmt.

Auf dem Bahnhof Leipheim kommen mein Chef und ich mit einem Mann ins Gespräch, der sich als Rettungssanitäter vorstellt. Es ist Saison meint er. Saison für Selbstmörder. Die Strecke ist ideal für Menschen, die auf diese brutale Weise Abschied von der Welt nehmen wollen (meistens wählen Männer diese Art des Todes). Der Merckle hat sich auch hier in der Nähe, etwa 20 Kilometer entfernt, vor den Zug geworfen. Winterende, das ist die Suizidzeit. Die Worte des Mannes sind nüchtern, erfahrungsgesättigt. Da kann man nichts machen, sein Tenor.

Eine Gesellschaft, in der in der Zwischenzeit mehr Menschen aus dem Leben scheiden als per Autounfall: Muss man eine solche Gesellschaft als "normal" betrachten? Kann man da wirklich nichts machen?

Matthias Stöbener 22.01.2009, 08.48 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Leben ohne Dich

Gestern abend bei Anne Will. Thema Suizid. Bischof Mixa aus Augsburg: Selbsttötung ist Sünde. Aber urteilen darf man nicht. Das darf nur Gott. Ich gehe sogar noch weiter und sage: Gott urteilt auch nicht. Und vor allem: Er verurteilt nicht. Verurteilen - das machen wir Menschen. Und die katholische Kirche hat es fast 2000 Jahre getan. Zeit damit aufzuhören und den Suizid endlich als das anzuerkennen, was er im Regelfall ist: Ausdruck einer schweren Krankheit namens Depression.


Aber darüber wollte ich eigentlich nicht schreiben. Es hat nur als Aufhänger gepasst, weil der Suizid auch ein Thema ist, das man gern verdrängt - obwohl mehr Menschen in Deutschland durch Suizid sterben als durch Autounfälle. Nein, ich wollte über ein anderes Thema schreiben, das ebenso gern verdrängt wird: Der Tod von Kindern und Jugendlichen. Es scheint für Eltern eine furchtbare, kaum zu bewältigende Erfahrung zu sein. Ich kann mich leider nur vage hineindenken, weil ich kein Kind verloren habe. Aber es scheint, dass Eltern, deren Kinder aus irgendeinem Grund gestorben sind, mehr brauchen als psychologischen Rat von professionellen Helfern. Eine Hilfe scheint die Selbsthilfegruppe "Leben ohne Dich" zu sein, die es jetzt auch in Augsburg gibt. Wer mehr darüber erfahren will, ist richtig unter:

Leben ohne Dich e. V.

Matthias Stöbener 13.01.2009, 07.32 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Sex in der Generation @

Zuerst die schlechte Nachricht: Das Konzert von THE SEER im SPECTRUM am 18. Januar ist bereits ausverkauft.

Und jetzt die gute Nachricht: Im Vorprogramm dieses Konzerts liest der Augsburger Schriftsteller Michael Fuchs-Gamböck zwischen 20 Uhr und 20:30 Uhr aus seinen aktuellen Büchern, darunter dem Titel: Verkehrsprobleme - Sex in der Generation @.

In dem Buch will Fuchs-Gamböck zeigen, wie sich unser Beziehungsleben in der Turbo-Welt verändert hat, wie man mit Sex umgeht und welche fatalen oder manchmal kuriosen Folgen die Digitalisierung und Globalisierung unseres Liebeslebens hat.

Aber es geht nicht nur um das Liebesleben des aktuell aufwachsenden Homo sapiens. Fuchs-Gamböck ist ja Rockreporter und wird als solcher auch Anekdoten erzählen bzw. lesen, die er im Lauf seiner journalistischen Karriere mit den Stars der Musikbühne erlebt hat.

Insofern darf man sich im doppelten Sinn auf intime Einblicke freuen.

Matthias Stöbener 03.01.2009, 08.02 | (0/0) Kommentare | TB | PL

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